März 20, 2009...10:23

Wir sind Zumwinkel!

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Am Wochenende haben sich einige führende Politiker dieses Landes erblödet, sich negativ über die pauschale Pensionsabfindung von Herrn Zumwinkel zu äußern. Dessen Ansprüche seien – so die Schlussfolgerung einer moralisch besonders glaubwürdigen Gestalt – auf Grund der nachgewiesenen Steuerhinterziehung des Bezügers quasi verwirkt, weshalb die Bundesregierung einschreiten müsse, wolle sie nicht das Vertrauen der Bevölkerung in die soziale Marktwirtschaft beschädigen.

Zur Erinnerung: noch vor eineinhalb Jahren war Herr Zumwinkel ein von allen politischen Seiten wohl gesehenes Mitglied unserer Gesellschaft. Ein Vorzeigeunternehmer. Einer der jedoch den zweifellos inakzeptablen Fehler begangen hat, Teile seines Familienerbes am Fiskus vorbei fließen zu lassen. Dass er jetzt als Parias geächtet wird, spricht für das bigotte Verhalten unserer Polit-Elite.

Irgend wann werde ich über diesen Politzirkus wahrscheinlich ein Buch schreiben, doch im Moment bin ich – Sie erinnern sich sicher – daran eine Finanzkolumne zu verfassen. Dabei will ich mich weder über Ministerpräsidenten, noch über korrupte und skrupellose Wirtschaftskapitäne auslassen. Auch dann nicht, wenn Sie den Ihnen zustehenden finanzielle Anspruch abrufen.

Ich möchte vielmehr Ihre Zukunft, genauer Ihre Altersvorsorge ansprechen. Das Verhalten von Herr Zumwinkel spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Dieses Verhalten steht nämlich stellvertretend für eine breite gesellschaftliche Entwicklung, in welcher nur noch über gesellschaftlicher Solidarität geschwafelt wird, statt sie in der Praxis auch zu beweisen. Tatsache ist doch, dass jeder von uns im Zweifelsfall darauf bedacht ist, der Solidargemeinschaft so wenig wie möglich abzutreten.

Der Beispiele sind Legionen: Putzfrauen welche ohne Sozialabgaben beschäftigt, Erbschaften die steuerwirksam um die nicht nachweisbare Teile gemindert, Brillen welche unter dem Ladentisch verkauft, gewerbsmäßiger Handel bei ebay welche unter Privatauktionen geführt und unzählige Bankkonten welche nicht nur von Millionären im Geheimen geführt werden.

Die meisten von uns sind kleine Zumwinkels. Hätten wir mehr Geld, wir wären mit Sicherheit richtige Zumwinkels! Es spricht also eher gegen uns, wenn wir nun mit dem nackten Finger auf den Ex-Post Chef zu zeigen. Nicht nur, weil gleichzeitig drei Finger immer auch auf uns selber zeigen.

Wir zerstören mutwillig, worauf wir selber bauen!

Im Gegensatz zu Herrn Zumwinkel sind die meisten von uns jedoch auf das Sozialsystem angewiesen. Das hindert uns aber nicht daran selber an den Grundwerten unseres Systems zu rütteln, in dem wir im Zweifelsfalle unsere eigenen Vorteil höher gewichten, wie den gesellschaftlichen Nachteil. Darum wuchert in Deutschland der Leistungsbetrug ebenso, wie die Schwarzarbeit und die Steuerhinterziehung. Doch wenn die anonyme Solidarität nicht mehr gelegt, sondern nur noch abgerufen wird, bricht das System über kurz oder lang zusammen. Die demographische Entwicklung und der Wirtschaftswandel gegen da nur noch den letzten Stoss.

Wie belastbar ist der Bundesbürger?

Stellen Sie sich einmal das Szenario für das Jahr 2015 vor: die Staatsverschuldung ist inzwischen derart ausgeufert, dass die Steuern deutlich erhöht werden müssen. Gleichzeitig treten immer mehr Bundesbürger ihren verdienten Ruhestand an. Die allgemeine Lohnsumme sinkt, weshalb die Beiträge für die Rentenversicherung gegen 25% steigen. Gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen, dass die Rentenversicherung in dieser Form kaum mehr zu halten ist. Und dann noch die Pflegeversicherung: Leistungsausbau (!) und Überalterung führen dazu, dass auch hier die Beiträge um 1-2 Prozentpunkte steigen müssen.

Was glauben Sie: werden sich in diesem Umfeld Beitragssteigerungen wirklich durchsetzen können? Werden sich das die Leute gefallen lassen oder werden sie dem Gesetze „Druck erzeugt Gegendruck“ folgend, in die Schwarzarbeit ausweichen? Oder gar ganz auswandern? Deutschland leidet bereits heute stark unter einem permanenten Brain-Drain: dem Abfluss von wirtschaftlich besonders wertvollen Fachkräften, deren Wissen für eine Volkswirtschaft mit überdurchschnittlicher Wertschöpfung dringend gebraucht würde.

Vergessen Sie’s. Wahlgeschenke wie 2,4% Rentenerhöhung im Jahr 2010 wird es in Zukunft nicht mehr geben. Der Sozialstaat wird bereits in 5-10 Jahren so Pleite sein, dass Leistungskürzungen u.a. in der Altersvorsorge nicht mehr zu verhindern sein werden.

Auch ohne diese Leistungskürzungen steht eine große Zahl der Bundesbürger vor der sicheren Armut im Alter, weil sie ihre Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung überschätzen, weil sie zuviel im Heute ausgeben und für das Morgen zuwenig beiseite legen. Paradox ist, dass sich viele Bundesbürger dieser Gefahr durchaus bewusst sind, jedoch dem überdotierten Auto oder der mobilen Erreichbarkeit ihrer Kinder einen größere Bedeutung beimessen, wie der eigenen Selbstvorsorge. Auch dies ist ein sicheres Zeichen einer pervertierten sozialen Sicherheit.

Weil die Eigenvorsorge im Zuge der Finanzkrise einen zusätzlichen Schlag erhalten hat und die individuellen Maßnahmen in diesem Bereich seit Monaten auf einem absoluten Tiefststand nahe dem Nullpunkt liegen, werde ich die nächsten Finanztipps einzig und alleine diesem Thema widmen. Diese Woche sogar zwei Mal.

Ihr Sidney Batt (Finanzplaner mit eidg. FA)

3 Kommentare

  • lowestfrequency

    Ich würde sagen, das Problem ist richtig erkannt. In uns allen stecken kleine Zumwinkels… und die gilt es zu bekämpfen. Nicht nur dadurch, dass man einfach nach gutem Gewissen die Steuer abführt und dass man auch andere ermutigt, das zu tun.

    Ich höre in meinem Bekanntenkreis auch häufig, man werde ja quasi zur Steuerhinterziehung gezwungen und ähliches – Schwachsinn. Natürlich läuft einiges falsch mit dem Steuersystem, aber dagegen lässt sich politisch einiges tun. Beispielsweise indem mal an der richtigen Stelle das Kreuzchen macht oder an der falschen selbiges weglässt. Schreibt mal ein Gedicht auf den Wahlzettel, dann hab ich als Wahlhelfer mal wieder was zu schmunzeln… ;)

    Was aber wirklich wichtig ist: zu merken, dass ein anderes System möglich ist. Das kam mir in dem Beitrag etwas zu kurz. Wenn die Spitzensteuersätze und die Einkommensschwelle immer weiter gesenkt werden, dann heißt das auf gut Deutsch: Abkassieren bei der ärmsten Schicht. Und dagegen gibt es durchaus Möglichkeiten.

    Ich werde hier nicht dazu aufrufen, die Linkspartei zu wählen, weil dort auch diverse Idioten rumlaufen und ich auch in vielen Punkten nicht mit dem Programm übereinstimme. Dennoch muss ich anerkennen, dass es sonst kaum ernstzunehmende Parteien gibt, die so klar gegen ein ungerechtes Steuersystem Stellung beziehen.

    Im Zweifel: Parteiprogramme lesen und drüber reden… hilft mehr, als man glauben mag…

    • Zuerst einmal Danke für den Beitrag!

      Tatsächlich ist es so, dass ich im Rahmen meiner Finanzkolumne keine Politik machen will – obwohl mir das ziemlich schwer fällt.

      Persönlich glaube ich allerdings nicht, dass man mit einem Kreuz am richtigen Ort politisch etwas bewegen kann. Ich war letzthin an einer Verantstaltung, an welcher der Referent einen bemerkenswerten Satz von sich gegeben hat: die Wahrscheinlichkeit auf dem Weg zur Wahlurne von einem Auto überfahren zu werden ist größer als die Möglichkeit mit der eigenen Stimme irgend etwas zu bewegen. Einfluss auf Politik kann man nur im direkten Gespräch oder in Verlautbarungen (wie in diesem Blog) nehmen.

      Zu Ihrer Bemerkung wegen des Steuersystems. Da gehe ich nicht mit Ihnen einig. Richtig ist, dass der Steuertarif – bedingt durch die kalte Progression – zu absurden Verschiebungen der Spitzensteuersätze geführt hat. Daraus aber zu schliessen, dass die unteren Einkommensschichten zu Gunsten der oberen höher belastet würden, verfängt nicht wirklich.

      Die Umverteilung findet statt, daran besteht kein Zweifel. Aber nicht über die Steuern, denn in diesem Bereich gehören die unteren finanziellen Schichten ohne jeden Zweifel zu den grossen Nettogewinnern.

  • lowestfrequency

    Die kalte Progression war noch nicht mal das Problem, auf das ich anspielen wollte, auch wenn dies auch ein zu beachten ist.

    Wichtiger ist aber eher, dass in der Schröder-Ära der Spitzensteuersatz von über 50 auf unter 40 % gesenkt wurde (für die Einkommenssteuer). Gleichzeitig wurde meines Wissens aber auch der Eingangssteuersatz und die Steuergrenze gesenkt, was direkt dazu führt, dass die Reichsten plötzlich erheblich weniger belastet werden, die untersten Schichten aber verlieren, weil sie plötzlich Steuern zahlen müssen, wo man ihnen vorher zugestand, dass sie dafür zu wenig verdienen. Eine Möglichkeit hier wäre eine andere Orientierung der Steuerkurve. Die Kurve steigt ja hier in den unteren Einkommensbereichen stark an (sprich: bei minimal mehr Einkommen erhöht sich schon der Grenzsteuersatz), während bei den höheren Einkommen nur noch sehr langsam der Grenzsteuersatz erhöht wird, die Kurve also flacher wird. Eine Umkehrung, also flache Kurve am Anfang und große Steigung am Ende oder zumindest eine Annäherung an eine Gerade würde der Tatsache Rechnung tragen, dass von kleinen Einkommen wirklich elementar Wichtige Güter bezahlt werden müssen, von höheren Einkommen aber auch Luxus. Insofern wäre eine Rückkehr zu höheren Einkommenssteuersätzen (die reiche Leute sowieso dank Steuerberater real enorm senken können, mehr als die „kleinen Leute“) für meine Begriffe ein Schritt in die richtige Richtung, da es in meinen Augen nicht angehen kann, dass die einen immer größeren Luxus haben (und auch noch die Steuern gesenkt bekommen), während die untersten Schichten viele Dinge jetzt stärker mittragen müssen, wo doch der Sozialstaat nur so funktioniert, dass die Reichsten der Reichen auch, absolut gesehen, riesige Summen abtreten, die ihnen aber (relativ zum Gesamtbesitz) weniger ausmachen, als wenn man einem Hartz-IV-Empfänger 50 Cent klaut…


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